Man spricht nur hinter vorgehaltener Hand darüber…..
Wieweit her ist es eigentlich mit dem ehrenvollen Verhalten der Jäger, für das wir uns von der Öffentlichkeit beurteilen lassen müssen?
Der Fall, der hier berichtet wird, kann sich überall ereignet haben:
Das „Vorkommnis“: Vor einer Maisjagd wurde vom Revierinhaber freigegeben: alles, was an Schwarzwild herauskommt. Heraus kam dann ein größeres Stück und mehrere deutlich kleinere Stücke. (Der geschulte Jäger weiß also: Bache mit Frischlingen/Überläufern, geschossen werden nur die kleineren Stücke.) Der erste Schuss traf die Bache, getreckt wurde danach noch 1 weiterer Frischling. Der Schütze ließ verlauten: „Es sollte ja alles geschossen werden! Außerdem dachte ich, die anderen Stücke werden ja auch geschossen und das große Stück treffe ich wenigstens.“
Anmerkung: Der Schütze hat eine Straftat begangen – nicht nur eine „Verfehlung“. Gem. § 38 BJagdG und NJagdG sind Elterntiere zu schonen, hier wurde wissend und willentlich eine Bache abgeschossen. Da der Rotte nunmehr die Führung fehlt, wird es vermehrt zu Schäden durch diese herum marodierenden Halbstarken kommen, wenn die Stücke überhaupt schon groß genug waren, ohne Mutter zu überleben.
Und die Moral von der Geschicht‘: Keiner wird sich hier aufspielen wollen – es liegen öfter Bachen auf der Strecke, ebenso wie Rehböcke im Winter etc., die Nachsuchenführer sehen genug davon - es geht darum, wie die Jägerschaft solche Vorkommnisse verhindern kann.
Die Frage ist:
Hapert es bei den Jägern an der Fähigkeit, Wild richtig anzusprechen?
Und wie kann man dies ändern?
Es mehren sich in diesem Zusammenhang die Meldungen über Abschussvergehen:
Führendes Alttier auf Drückjagd geschossen.
Drückjagd im Januar: 26 Stück Rehwild, davon 10 Böcke, geschossen….
Außerdem gibt es häufiger die Hinweise auf „schlechte“ Schüsse: da wird versucht, immer hinter den Teller des Schwarzwildes zu schießen oder beim Rehwild auf den Träger. Wer kommt auf solche haarsträubenden Ideen? Soll das der Wildbretschonung dienen, damit Blatt oder Keule besser zu verwerten sind? Eine andere Erklärung kann es nicht geben, denn waidgerecht ist ein solcher Schuss mit Sicherheit nicht! Im Gegenteil: er ist in höchstem Maß zu verurteilen, denn beide angesprochenen Schüsse treffen kaum das Leben des zu streckenden Wildes – diese Schüsse klappen zwar auf dem Schießstand und der breiten Wildscheibe, aber nur durch Zufall im wirklichen Jagdgeschehen, wenn das Wild in Bewegung ist. Zum Ansprechen des Wildes gehört auch die Entscheidung über den waidgerechten Schuss, dieser hängt natürlich von der Situation ab. Aber niemals „versucht“ man etwas beim Schuss auf ein lebendes Stück, man wartet ab, bis sich die optimale Situation ergibt – und wenn sie nicht kommt, lässt man den Finger gerade!
Vor allem Drückjagden scheinen dazu prädestiniert, jagdliche Sorgfalt bei der Ansprache des Wildes fehlen zu lassen. Außerdem sind es immer die besonders schnellen Schützen, deren Schnelligkeit man manchmal auch als Schusshitze bezeichnen könnte. Es ist beschämend, wenn Jäger schon auf das kleinste Geräusch hin das Gewehr hochreißen – gut zu beobachten am Mais, wenn dann statt der Sau der Stöberhund hervorbricht, oder auch am Fuchsbau, wenn statt Fuchs zuerst der Teckel herausguckt. Dabei passiert eine Vielzahl an „Unfällen“, die eindeutig vermeidbar sind, wenn erst einmal hingesehen würde, was dort eigentlich kommt.
Bei der Maisjagd ist der erste Leitsatz: „Die Sauen soweit herauskommen lassen, dass vom Mais weggeschossen wird (min. 45 °), niemals am Mais entlangschiessen!“ In dieser Zeit kann man auch ansprechen und vor allem sind dann auch die Frischlinge mit draußen. Auch mir selbst ist es passiert, dass ich mit meinem geschlagenen Terrier auf den Armen aus dem Mais herauskam, am Maisfeld entlanglief, und ein Geschossknall an meinem Ohr vorbeizischte und einige Meter vor mir der sauber geeggte Boden aufgerissen wurde (es hatte ein oberhalb abgestellter Schütze auf meinen Kopf im Tal gezielt, und am Mais entlanggeschossen!).
Wenn auf den Drückjagden im Dezember/Januar führende, weibliche Stücke oder Rehböcke auf der Strecke liegen, geht das nicht mit rechten Dingen zu – auch nicht in den Revieren, wo Wald vor Wild geht. Wir sollten diese „Vorgänge“ ahnden: scheinbar sind die Strafen viel zu gering, dabei müssen viele „Vorfälle“ eher als „Vorsatz“ denn als „Irrtum“ erkannt werden. Und ein Schonzeitvergehen wird nicht plötzlich gesellschaftsfähig, weil „alle“ es machen und sanktionieren.
Wir Jagdaufseher würden eine gute Chance darin sehen, nicht müde zu werden, alle Beteiligten noch einmal - und immer wieder! - darauf aufmerksam zu machen, dass
- der Jagdherr eindeutige Ansagen zur Freigabe machen muss. Er sollte auch – insbesondere bei Anwesenheit von Jungjägern! - auf den Schutz der führenden Stücke extra eingehen und erläutern, dass das alles Wild betrifft, Reh-, Rot-, Dam- und Schwarzwild.
Selbst wenn er dies überflüssig findet, weil das ja schließlich „jeder wissen muss“: In der heutigen Jungjägerausbildung ist das Ansprechen nicht das wichtigste Thema – i.Ü. passieren auch alten Jägern unter Stress Fehlabschüsse, davon ist niemand frei. - Wenn ein Jagdherr bei Jagen auf Schwarzwild das versehentliche Schießen von Leitbachen minimieren möchte, hätte er die Möglichkeit, nur kleine und mittelgroße Stücke freizugeben, d.h. Überläufer (im oben geschilderten Fall wollte der Revierinhaber wahrscheinlich großzügig sein und ausdrücken, dass auch ein großer Keiler geschossen werden dürfte). Der Jagdleiter sollte auch etwas zum „Ahnden von Fehlabschüssen“ aussagen. Wer die gesetzlichen Handhaben nicht ausschöpfen will, könnte z.B. einen Schießnachweis vom Schießstand vor der nächsten Einladung anfordern.
- Eingeladene Schützen sollten folgende Verhaltensregeln beherzigen:
Freigegebenes Wild immer zweimal ansprechen: 1. es ist freigeben (Jagdgesetz!), 2. es führt nicht (weibl. Stück mit Nachwuchs).
Auf keinen Fall überhastet schießen, nach dem Motto: man muss schnell sein, sonst ist es weg! Wichtiger ist: man schießt nicht, ohne genau zu sehen, worauf!
In einer Zeit, in der darüber nachgedacht wird, ob Nachtsichtgeräte für die Sauenbejagung eingesetzt werden sollten, in der die „ökologische Bejagung“ („Waldschutzjagd“) diskutiert wird, in der die Jäger zu Schädlingsbekämpfern in Bezug auf Schwarzwild degradiert werden sollen, wäre es wünschenswert, sich auf Jagdethik, auf moralisches Verhalten zu besinnen. Wir werden zu intensiv beobachtet, um uns in der Öffentlichkeit „daneben benehmen“ zu können.
Dieter Erbut, Ref. f. Schiesswesen, Verband der Jagdaufseher Niedersachsen VJN
